Anlass 2016

Die Gofen Stiftung hat am 28. September 2016 zu einem Abend im „Weissen Wind“ eingeladen. Die Präsidentin, Lotti Ullmann, stellte die Stiftung und die Stiftungsräte vor. Danach folgte ein Auftritt der Komikerin Lisa Catena zum Thema Kind. Im zweiten Teil des Abends stellte der Preisträger unseres Wettbewerbs „Paradigmenwechsel in der Erziehung“, Jean Paul Munsch, sein Projekt vor.
Nach Programmschluss unterhielt man sich angeregt bei einem Glas Wein: die Gofen Stiftung hatte beim Publikum Anklang gefunden.

 

Rede der Stifterin:

Ich bin Lotti Ullmann, Präsidentin der Gofen Stiftung, und heisse sie herzlich willkommen zu unserem Anlass heute Abend.
Ganz kurz zu unserer Stiftung: Es geht uns um das Kind, das Kleinkind, aber wir bieten keine Lösungen von Problemen im Umgang mit Kindern an, wir haben auch kein Rezept, oder irgendeine Methode. Wir haben eher Fragen, als Antworten.

Unsere Stiftung möchte in einer Zeit der Technik an das Kind erinnern, daran, dass wir Menschen sind mit enormen Möglichkeiten, als Menschen, nicht als Maschinen; eine Einladung, in einer Zeit des Umbruchs uns unserer Fähigkeiten als Mensch wieder bewusster zu werden, auf diese Fähigkeiten zu vertrauen und sie zu unterstützen.

Diejenigen unter ihnen, die auf unserer Homepage waren, erinnern  sich vielleicht an den Text neben dem Bild von mir, wo steht, dass ich in Amerika eine Schauspielausbildung gemacht habe. Bei dieser Ausbildung habe ich gelernt, falsche Töne zu erkennen. Wenn ich auf der Bühne stand, war ich sehr glücklich, wenn ich das Eigentliche traf, und damit etwas Wahres sagte, das auch ankam und vom Publikum verstanden wurde. Das war unglaublich befriedigend. Wenn ich das Wesentliche aber nicht traf, also eigentlich nur so tat, als ob, war das ein beschämendes, unerträgliches Gefühl. Das waren die falschen Töne. Ich höre sie immer noch, nicht nur auf der Bühne. Vor allem bei mir selbst. Als meine Kinder klein waren zum Beispiel. Wenn ich als Erwachsene, als Mutter, etwas zu den Kindern sagte, und den falschen Ton hörte, war das störend, lästig. Man soll Kinder nicht anlügen und doch geschieht es so schnell und leicht. Man meint es doch nur gut, aber der Ton stimmt nicht.
In der Beziehung hat sich meine Schauspielausbildung gelohnt.

Wir von der Gofen Stiftung behaupten ja, dass wir bewusster machen wollen, wie unaufrichtig wir Kinder oft behandeln. Ich mag Kinder. Ich ziehe die Gesellschaft eines Kindes oft der Gesellschaft eines Erwachsenen vor. Das Kind überrascht, erfrischt, ist lebendig. Aber statt dass wir das als etwas Wertvolles schätzen, richten wir uns nach  Vorurteilen. Vorurteile! Die gibt es beim Alter ebenso wie beim  Kind. Ich erlebe das am eigenen Leib, jetzt wo ich alt bin und immer öfter Leute darauf aufmerksam machen muss, dass ich zwar alt, aber nicht dumm bin. Kinder sind auch nicht dumm oder weniger wert, nur weil sie Kinder sind.
Aber wenn ich die 7-jährige Tochter von Freunden von mir ebenso zuvorkommend und respektvoll behandeln würde wie den Herrn Professor, oder einen Bankdirektor, würden meine Freunde wahrscheinlich an meinem Verstand zweifeln. Ein Kind behandelt man auf eine ganz bestimmte Weise, man sagt z.B.: „pass auf, tu dir nicht weh, du bist herzig, das darfst du nicht,“  weil das alle immer so gesagt haben. Dabei wäre es viel besser, einfach einmal zu schweigen und zu warten, bis das Kind sich äussert... dazu fehlt uns Erwachsenen die Geduld, das Interesse... Vielleicht ist es aber auch der Respekt, der fehlt, weil es sich ja nur um ein Kind handelt.

Ich finde das Kind etwas sehr Wertvolles, ich finde es stellt in unserer Welt einen Wert dar, den wir immer noch nicht genügend anerkennen. Ich bin derselben Meinung wie Gerald Hüther, dass das Kind kein Objekt ist. Weder ein „lifestyle“ – Erziehungs – oder Familienobjekt. Das mit dem „Familienobjekt“ war vielleicht einmal so, vor langer Zeit, im viktorianischen Zeitalter, vielleicht sogar noch in den 50-iger Jahren, als ich Kind war, aber heute hat sich unser Bewusstsein doch geändert, wir spüren das, wir wissen es. Und dann fühlen wir uns hilflos und greifen wieder auf alte, bewährte Muster zurück. 

Da ich die Erziehung von früher angesprochen habe, lese ich ihnen aus dem Buch, an dem ich im Moment schreibe, vor, wie ich das damals selber erlebt habe:

„Ich denke, dass ich als Kind am meisten unter der Begrenztheit meiner Welt gelitten habe. Meine Kindheit war glücklich, ja idyllisch, mir fehlte es an nichts, aber ich wurde, um das Glück zu sichern, vor so vielem bewahrt, dass ich das Gefühl hatte, ständig an Grenzen zu stossen und von dem eigentlichen Leben ausgeschlossen zu sein.
Das machte mich traurig und resigniert, Gefühle, die ich damals als Kind nicht verstanden habe.
Ein einziges Mal durfte ich meinen Vater auf einem Geschäftsbesuch zu einem Bauern begleiten und ein weiteres Mal ihm beim Aufbau eines Standes an einer Messe helfen. Aber das war zu wenig, das waren Tropfen auf einen heissen Stein. Ich suchte leidenschaftlich eine Beziehung, in der ich das Gefühl hätte entwickeln können, gebraucht zu werden, an der realen Welt teilzunehmen.
Ich denke, damit, dass man mich, das neugierige Kind, soweit wie möglich vor der Realität bewahrte, ging ein Potential verloren und eine Chance wurde verpasst. Das ist traurig. Natürlich setzt sich die Natur immer irgendwie durch und findet, wie das Wasser, einen anderen Weg. Aber es ist nicht mehr dasselbe.

Damals verstand man unter guter Erziehung das Bewahren und Schonen des Kindes. Ich durfte weder Velofahren noch Räuber und Poli spielen, und wenn die Erwachsenen von ihrer Welt sprachen, taten sie es auf Französisch.
Heute ist die Gesellschaft offener, Kinder wissen mehr, sind sportlicher und nehmen an vielem teil.
Im Rückblick kommt mir die Erziehung von damals vor wie das „Füsseeinbinden“ der kleinen Mädchen in China. In China ging es um die Füsse, die man so lange am Wachstum hinderte, bis sie verkrüppelt waren. Bei uns ging es um die Persönlichkeit. (Wobei Füsse, auf denen man nicht mehr sicher stehen kann, die Persönlichkeit selbstverständlich auch einschränken.) Als ich aus der Kinder – in die Erwachsenenwelt kam, fühlte ich mich wie eine Gewächshauspflanze. In künstlich hergestellten guten Bedingungen – ohne widrige Winde, ohne Frost und Hitze, ohne gefährliche Insekten und ohne richtige Erde – hatte ich meine Fähigkeiten nie erproben können. Ich war zu einem schüchternen, naiven Menschen herangewachsen und gefährdet wie ein rohes Ei.“

Die Art mit Kindern umzugehen, hat sich, im Vergleich zu dem, was ich in den 50-iger Jahren erlebt habe, verändert. Ich finde diese Veränderung gut, und die Gofen Stiftung wird sich dafür einsetzen, dass der Paradigmenwechsel weitergeht, dass die Stellung des Kindes besser wird, dass das Kind im Sinn von Gerald Hüthers Ideen, als Subjekt und nicht mehr als Objekt verstanden wird. Weil das nicht nur für das Kind, sondern für uns alle sinnvoller ist, weil ich überzeugt bin, dass ein Zusammenleben mit Menschen, die als Kind gelernt haben, sich selbst und den anderen als Subjekt zu respektieren, nicht nur menschenwürdiger ist, sondern auch besser funktioniert.

 

Ich danke Ihnen

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